Arzthaftung nach unterlassener Befunderhebung

Ein Befunderhebungsfehler kann dann dem behandelnden Arzt anzulasten sein, wenn bei weiterer Befunderhebung ein reaktionspflichtiger Befund festgestellt worden wäre, der seinerseits weitere Behandlungsmaßnahmen zwingend erforderlich gemacht hätte.

Grundsätzlich ist schon das Nichterkennen einer (erkennbaren) Erkrankung und der sie kennzeichnenden Symptome als Behandlungsfehler zu werten. Irrtümer bei der Diagnosestellung sind jedoch nicht selten, weil die Symptome einer Erkrankung nicht immer eindeutig sind. Diagnosefehler, die objektiv auf eine Fehlbefundung zurückzuführen sind, können daher nur mit Zurückhaltung als relative Behandlungsfehler gewertet werden; Alerdings gilt dies nicht für eine Fehlbefundung von Symptomen, die für eine bestimmte Erkrankung kennzeichnend sind.

Die Unterlassung einer erforderlichen Überprüfung der Diagnose, also die Nichterhebung gebotener weiterer Befunde, kann daher haftungsbegründend wirken, wenn der erste Befund auch den Verdacht einer Erkrankung nahelegt, die zwingend behandlungsbedürftig ist und die notwendige Behandlung (der nicht deutlich erkannten Krankheit) nur deshalb unterbleibt, weil der Erstbefund fehlerhaft und trotz notwendiger Abklärung eine weitere Befunderhebung unterlassen worden war. Denn für die gehörige Erhebung der faktischen Grundlagen für eine differenzierte Diagnostik und Therapie gilt ein strenger Maßstab. Maßstab ist stets, was der (jeweilige) medizinische Standard gebietet, also was im konkreten Fall dem Qualitätsstandard einer sachgerechten Behandlung entspricht. Dabei sind bei schwerwiegenden Risiken für den Patienten auch vom behandelnden Arzt für unwahrscheinlich gehaltene Gefährdungsmomente auszuschließen.

Ein Verschulden des Arztes ist dann zu bejahen, wenn er aus seiner Sicht zur Zeit der Diagnosestellung entweder Anlass zu Zweifeln an der Richtigkeit der gestellten Diagnose hatte oder aber solche Zweifel gehabt und sie nicht beachtet hat.

Oberlandesgericht Jena, Az.: 4 U 1066/04

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